Das kennt jeder Türkeireisende: Besuch einer Teppichknüpferei.
Schön, wir hätten uns ohne Probleme "absetzen" können, haben uns aber
dann doch für die Besichtigung entschieden. Nicht zuletzt deshalb, da
ich mir schöne interessante Bilder erhoffe.
Wir werden freundlich - natürlich auf deutsch - begrüßt und erfahren
viel Informatives über das Teppichhandwerk in der Türkei im Einzelnen
und im Besonderen über Seidenteppiche. Mit einem Ohr höre zu; aber auch
wirklich nur mit einem! Denn mich winkt die nette Frau mit dem weißen
Kopftuch zu sich her. Sie sitzt an einem Spinnrad und verwandelt die
kardätschte (kardierte) Wolle zu einem gleichmäßigen Faden. Gleichmäßig
ist das w(r)ichtige Wort. Sie streckt mir die Handspindel entgegen; ich
versuche mein Glück. Nun ja, ich möchte dann doch lieber an dieser
Stelle darüber nicht weiter reden ...
Spinnen mit der Handspindel (o.li.) und mit
dem Spinnrad (o.re). Wie schnell sich das Spinnrad dreht, zeigt das Bild beim Anklicken.
Beim Kardieren wird die lose Wollfaser zu einem Flor oder Flies
"gekammt" (u.).

Den ältesten Seidenteppich hat man in der Türkei im Altay Gebirge gefunden; er soll aus dem 5. Jh v.Chr. stammen. Heute kann man ihn in der Eremitage in Sankt Petersburg bewundern.
Die wohl besten Seidenteppiche der Türkei stammen aus einem kleinen Dorf namens Hereke östlich von Istanbul. Bereits 1843 hat ein Sultan dort die erste Teppichknüpferei gegründet; es wurde ausschließlich für den osmanischen Hof produziert. Der Sultan ließ über 140 große und 115 Gebets-Teppiche für den Dolmabahçe-Palast in Istanbul herstellen. Mit 406 qm liegt hier im Sternenpalast der größte Teppich der Welt; er wiegt 3,7 t.
Kaiser Wilhelm II besuchte Hereke im Jahre 1894, um sich vom Können der Knüpfer zu überzeugen; noch heute werden hier feinste Teppiche aus Wolle und Seide hergestellt.
Nur in der Türkei wird der Doppelknoten geknüpft; er steht für Festigkeit und Gleichmäßigkeit den Knotenbildes.
Wolle in dezenten Farben (o.li.) - und so
wird der Teppich einmal aussehen (o.re).
Die feine Arbeit ist gut zu erkennen, und später landen alle
abgeschnittenen Wollfasern in der Schale ... (u.).

Seide kennt man seit ca. 5000 Jahren und es heißt, die Entdeckung geht auf Xiling, der Frau des chinesischen Kaisers Huang-Di zurück. Über die Seidenstraße kam die Seide dann nach Europa.
Die berühmtesten Knüpfer der Türkei kommen aus der Familie Özipek.
Sie haben auch beim Knüpfen einen Weltrekord aufgestellt, nämlich 24 x
24 Doppelknoten auf 1 qcm zu knüpfen; das sind 576 Knoten/qcm. Der
Teppich hat eine Größe von ½ qm.
Es wurden aber auch schon 30 x 30 Doppelknoten auf 1 qcm geknüpft, doch
dieser Teppich ist kleiner als der obige. Es ist ein Teppich der
Familie Özipek, der 1993 ins Guinnesbuch
der Rekorde kam.

Das muss man sich einfach mal vorstellen: ein Seidenfaden ist 1/7 so
stark wie ein Menschenhaar und 50 dieser Fäden werden zu einem
Garnfaden verwogen.
Jeder 6. Türke lebt direkt oder indirekt vom Teppich (Schäfer,
Webstuhlbauer, Seidenraupenzüchter, Knüpfer etc.).
Meist sind es Frauen, die die feinen Seidenteppiche knüpfen. Sie
beginnen ihre Ausbildung nach der Schule mit 14 Jahren und können rund
20 Jahre am Webstuhl arbeiten.
Es ist interessant zu wissrn, ...
dass ein ½ kg Raupen im Laufe ihres Lebens bis zu 12.000 kg
Maulbeerblätter frisst;
dass ein Seidenspinner von Geburt bis zur Verpuppung das 40.000fache
seines Körpergewichtes in Form von Maulbeerblättern verzehrt;
dass der Faden des Kokons durchschnittlich eine Breite von 20 µm hat
(µm = Mikrometer, d.h. 1 Millionstel Meter);
dass 1 kg Kokons ungefähr 250 gr Seidenfaden ergibt;
dass für die Gewinnung von einem Kilogramm Rohseide bis zu 10 kg Kokons
benötigt werden;
dass die Länge eines Kokonfadens mehr als 4.000 m erreichen kann;
dass man über 25 Maulbeerbäume benötigt um ca. 3 kg Seide zu gewinnen;
dass ein Seidenspinner bis zu 15 m/min. spinnen kann;
dass der Seidenspinner nach seiner Geburt innerhalb von 4 Wochen sein
Körpergewicht um das 12.000fache steigert;
dass der Seidenspinner 4 Wochen nach der Geburt seine Größe um das
25fache gesteigert hat.
Haspelseide (o.re.) wird aus dem Endlosfaden
aus der Mitte des Kokons
gewonnen. Dieser meist über 1.000 Meter lange Faden wird vor der
Verarbeitung nur abgewickelt (gehaspelt). Wie fein
der einzelne Seidenfaden aus dem Kokon ist, zeigt das Bild (o.li.), wenn man es anklickt.
Richtig verarbeitete Haspelseide ist die feinste und strapazierfähigste Seide (u.).

Seide lässt sich um rund 15
Prozent dehnen. Ohne zu reißen (o.li.) wird sie nach dem Ziehen aus dem
Kokon auf große Spindeln gewickelt.
Seide kann bis zu 30 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen (o.re. glänzen die "Seidenzöpfe" in dezenten Farben).
Und nach vielen Stunden, Tagen, Wochen ist dann wieder ein Seidenteppich fertig. Wie unterschiedlich das sein kann, zeigt das Bild beim Anklicken.
... & mit diesem "fliegenden Teppich" geht es jetzt weiter durch das Taurus Gebirge.