Nordindien - Radjastan, Teil 2

Dieser Teil beschreibt unsere Reise nach Jaisalmer, Bikaner, Mandawa und Jaipur.


jaisalmer09. Oktober:
Nur wenige Kilometer von der pakistanisch/indischen Grenze - und 285 km von Jodhpur - entfernt liegt diese Wüstenstadt Jaisalmer inmitten der Thar. Im Jahre 1156 wurde sie zu Füßen einer Festung gegründet. Eine sehr wechselvolle Geschichte steht in den Büchern der Stadt geschrieben: Belagerungen durch islamische Truppen, Hungersnöte, Plünderungen und Massenselbstmorde. Die Stadt lag einst verkehrsgünstig an den großen Kamelkarawanen nach Zentralasien. Nach der Spaltung des Landes 1947 und der Unterbrechung des Warenverkehrs durch Pakistan blieb der Stadt nur noch die Rolle als strategischer Ort in dem Konflikt zwischen Indien und Pakistan.

jaisalmer Das 229 m über dem Meeresspiegel liegenden Jaisalmer ist ganz vom Sand der Wüste Thar umgeben. Wasser ist knapp; erst in einer Tiefe von 75 m stößt man darauf. Somit ist Landwirtschaft so gut wie unmöglich; meist nur eine Ernte von Weizen und Gerste im Frühjahr.

jaisalmer Wir aber bummeln durch die Straßen. Vorbei an den Havelis, den ehemaligen Wohn- und Geschäftshäusern der zu Reichtum gekommenen Händler, sowie verschiedener Jaintempel.

jaisalmer Am späten Nachmittag fahren wir mit dem Jeep raus aus Jaisalmer, der Goldenen Stadt, wie man sie auch nennt. Der Name übrigens kommt von dem gelben Sandstein, der aus dieser Gegend stammt und aus dem die Stadt erbaut wurde.

Überragt wird die Stadt vom Fort, das auf dem 120 m langen und 500 m breiten Trikuta-Felsen liegt. Eine Besonderheit ist die Tatsache, das innerhalb des Fortgeländes heute noch 1/4 der Menschen in Jaisalmer wohnen.


thar thar

Neben der Straße lassen sich die  Dromedare überhaupt nicht beim Fressen stören. Wir haben gedacht, es sind wilde Dromedare. Adjif erkärt uns aber, dass es domestizierte Tiere sind. Zusammen mit Schafen und Ziegen sind sie die Weidetiere der Bevölkerung. Die Menschen führen teilweise noch ein Wanderleben. Ihre wichtigsten Handelswaren sind außer der Wolle auf das Fleisch der Tiere und Ghee.

Kleine Steinmauern begrenzen die Weidegebiete der Haustiere. Durchschlupflöcher für Kleintiere geben den Weg frei, damit Eidechse & Co. in ihrem Lebensraum nicht eingeengt werden.

dorf dorf 16% der Bevölkerung in und um Jaisalmer herum ist jünger als 6 Jahre. Auch uns sind die vielen Kinder aufgefallen. Wir haben uns bei den Fahrten über Land oft gefragt, wo diese Kinder nur zu Schule gehen, denn auch hier in Jaisalmer liegt die Analphabetenrate bei rund 64 %.

Durch viele kleine Bauerndörfer führt uns der Weg hin zu den Sanddünen. Das allerdings nicht mit Motorkraft, sondern auf dem Rücken von Wüstenschiffen. Die Dromedare bringen uns zum Sundowner in die Sanddünen.

unfall Adjif fährt uns gemütlich durch die Landschaft. Wir halten mal hier, mal dort. Die Natur mit ihrer spärlichen Vegetation, dazwischen vereinzelte Dörfer, fordern einfach zum Knipsen auf. Doch plötzlich gibt es einen anderen Anlass für eine Fotosession: ein Unfall. Ja, richtig! ein Verkehrsunfall. Besser gesagt: ein liegen gebliebener LKW mit Motorschaden. Das allein ist sicher kein Foto wert (Schäden dieser Art gibt es auch bei uns). Die Art der Unfallsicherung ist es, die uns anhalten lässt.

Man stelle sich vor: der LKW am Straßenrand, jeweils 10 Meter nach vorne und nach hinten sind um den Lastwagen herum große Steine auf die Fahrbahn gelegt. Somit ist unschwer zu erkennen, dass hier ein defektes Fahrzeug steht.
Anmerkung: als wir nach Tagen diese Straße wieder zurückfahren, befindet sich der LKW noch immer an der selben Stellung am Fahrbahnrand .....


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11. Oktober:
Vorbei am oben beschriebenen - und defekten - LKW fahren wir nun 335 km in den Norden Radjastans. Unser Ziel ist Bikaner. 1488 erbaute der Sohn des damaligen Herrschers von Jodpur hier in der Wüste Thar diese eindrucksvolle Festungsstadt. Später zog es indische Kaufleute an, darunter viele wohlhabende Anhänger der Jainisten. Prachtvolle Tempelbauten stammen aus der Zeit.

bikaner bikaner Ich glaube, niemand hat sich jemals die Mühe gemacht, all die vielen Tempel dieses Landes zu zählen. Schon die unterschiedlichsten Arten der Heiligtümer übersteigen all unsere Vorstellungen von Gotteshäusern. So bestaunen wir auch diesen von zwei Kaufmannsbrüdern im 14. Jahrhundert erbauten Bhandasar Jain-Tempel, der nicht durch feine Steinmetzarbeiten von sich reden macht, sondern durch grellbunte, aber wunderschöne Zeichnungen aus dem religiösen und bürgerlichen Leben der Zeit seiner Entstehung. Buttertempel wird er von Einheimischen etwas ironisch genannt, weil die Jainisten hier Butter zum Fetten der  Fellbespannung ihrer Trommeln verwenden, obwohl sie doch den Schutz aller Tiere obenan stellen.
Oder zeugen die glänzenden Stellen auf dem Fußboden vom Butterschmalz/Ghee, das im Fundament verarbeitet sein soll?

bikaner bikaner

Auch hier in Bikaner nehmen wir uns Zeit, um einfach nur so durch die Gassen zu ziehen. Zu zweit, und nicht mit großen Touristenaufgebot. So kommt es auch, dass wir am Abend ein besonderes Erlebnis haben. Doch das steht auf einem anderen Blatt. Wer es lesen möchte, sollte einmal in den Geschichten aus Indien nachschauen.

desnoke desnoke Ganz anders als der farbenfrohe Tempel mit den bunten Bildergeschichten zeigt sich der 32 km außerhalb der Stadt in dem kleinen Dorf Desnike gelegene Tempel von Shri Karni Mata. Karni Mata hat im 14. Jahrhundert gelebt und wurde noch zu Lebzeiten als Heilige verehrt. Nach einer Legende bat sie in Trance den Totengott Yama um die Seele eines verstorbenen Kindes. Yama antwortete jedoch, er könne ihr die Seele nicht übereignen, da das Kind schon wiedergeboren wurde. Daraufhin schwor Karni Mata, dass niemand ihres Volkes je wieder das Totenreich des Gottes Yama betreten würde und die verstorbenen Seelen nach ihrem Tod als Ratte wiedergeboren werden.

dorf Ein Heiligtum besonderer Art und für den - der zart besaitet ist - sicher kein angenehmer Ort. Es handelt sich nämlich um einen Rattentempel. Die Legende sagt, dass, erblickt ein Mensch der Stadt das Licht der Welt, so wird auch eine Ratte geboren. Stirbt ein Tier, so stirbt auch ein Mensch.

desnoke Mehr als 20.000 dieser Nager leben im Tempel. Die Gläubigen sehen eine Verbindung der Tiere zu Karni Mata. Heute bringen die Menschen Essen und Trinken in den Tempel. Aus großen Schalen auf der Erde werden dann nicht nur die Gläubigen, sondern auch die Ratten satt.

Sogar vor Raubvögeln schützt man die Nager, denn der Tempelhof ist von oben mit einem Netz gegen die himmlische Gefahr gesichert. Den Ratten von Deshnoke konnte nicht einmal die Pest etwas anhaben.

Na ja, es kostet uns schon etwas Überwindung, ohne Schuhe und Strümpfe über die Wege im Tempel zu laufen, wohl wissend, was man den Tieren als Überbringer von Krankheitskeimen nachsagt. Nur gut, dass ich genügend Desinfektionsspray mit auf die Reise genommen habe.

bikaner Natürlich hat auch Bikaner eine alles überragenden Festung: das Junagarh Fort. 1588 wurde mit dem Bau begonnen und in den folgenden Jahrhunderten ständig angebaut. Als Baumaterial wurde roter Sandstein und Marmor verwandt. Es ist das einzige Fort, dass strategisch nicht auf einem Hügel erbaut wurde, sondern mitten in der Stadt liegt. Grandios sind die Ausmaße: 986 m muss man laufen, um die 63.000 qm große Anlage zu umrunden.

Wir wollen unsere Besichtigung an einem der sieben Tore, am Suraj Pol (Sonnentor) beginnen. Überall um uns herum geschäftiges Treiben, so dass eine Besichtigung fast unmöglich ist. Was war da los? Wer mehr erfahren möchte über die kleine Story von Herzschmerz und Seifenopern, schaut einfach nochmal in die Geschichten aus Indien rein.



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13. Oktober:
Wir setzten unsere Reise fort und besuchen das Shekhawati Gebiet. Die Region um Mandawa liegt so ziemlich genau zwischen der Wüste Thar und Jaipur.

mandawa Bisher sind kaum Touristen in dieses Gebiet gekommen, obwohl es eine faszinierende Kulturlandschaft aufzuweisen hat. Vor mehr als 500 Jahren war das Shekhawati eines der reichsten Teile Radjastans. Führten doch große Karawanenstraßen hier durch und verbanden Indien mit den Ländern der übrigen Welt. Im Zuge der veränderten Wirtschaftslage (die neuen Metropolen Delhi, Mumbai und Kalkutta liefen dem Shekhawati den Rang ab) versank das Gebiet in einen Dornröschenschlaf. Die Kaufmannsfamilien wanderten in die neuen Industrieorte ab und die Wohnhäuser verfielen langsam.

mandawa Zu der damaligen Zeit waren die Handelstreibenden wohlhabend. So entstand auch ihr Wunsch nach repräsentativem Wohnraum. Es gab aber ein ungeschriebenes Gesetz, wonach die Häuser der Bürger nicht prunkvoller sein durften als die der Maharajafamilien. Das brachte die Kaufleute wiederum auf die Idee, nicht mit Intarsien aus Edelsteinen und Marmor die Fassaden ihrer Häuser zu schmücken, sondern mit feinen Pinselstrichen. Kunstmaler aus aller Herren Länder verschönerten nun die Häuser. So kam es, dass nicht nur indische Motive die Wände zierten, sondern auch Hinweise auf ferne Länder. Selbst Mitglieder des englischen Königshauses und europäische Kolonialherren wurden auf den Fassaden verewigt.

mandawa mandawa

Der Verfall der bunten Bilder ist leider überall sichtbar. Wovon soll auch ein Land wie Indien - das sicher größere Probleme zu bewältigen hat als Baudenkmäler zu erhalten (?!?!) - das bezahlen? Doch einige kleine, aber hoffnungsvolle, Projekte sorgen für den Erhalt der Kunstwerke am Bau. So hat z.B. die Kaufmannsfamilie Poddar ihr Haus einer Schule überschrieben, die jungen, begabten Menschen die Kunstfertigkeit der Malerei lehrt. Die Schüler wohnen in dem Haveli, restaurieren es und erhalten so beispielhafte Bauwerke.

mandawa Wie schon an vielen Orten unserer Reise, so haben wir unser Domizil hier im Shekhawati wieder einmal in einem Maharaja Palast aufgeschlagen. Das Fort von Mandawa, das 1755 erbaut wurde, ist heute ein Hotel mit 80 Zimmern. Der Name: Mandawa Castle. Noch heute leben vier Generationen der Fürstenfamilie im Schloss; ein Teil von Ihnen führt das Hotel. Wie viele historische Häuser, ist Castle Mandawa eine Mischung aus Alt und Neu. Türme, überdachten Balkone, moderner Komfort in der alten Zimmern. Familienporträts hängen an der Wand, antike Kanonen und Waffen zeugen von einer einst nicht ganz ruhigen Welt. Ein großer Messinggong ertönt jeder Stunde als orgineler Zeitnehmer im Fort.

adjif Einige Flügel vom Mandawa Castle werden von den Besitzern selbst bewohnt. Andere Bereiche werden (ständig) renoviert, wieder andere Gebäudeteile dienen als Hotel. Verwinkelte Treppenhäuser führen zu den jeweiligen Zimmern. Wir jedenfalls haben viel Mühe, immer den richtigen Weg zu dem Raum mit der Nummer 311 zu finden. Selbst mit so einem außergewöhnlichen Schlüsselanhänger ist das nicht ganz leicht.

Auf der gesamten Tour durch Radjastan ist Adjif an unserer Seite. Wir haben mit ihm jede Menge Spaß, er zeigt uns viel, was nicht in Reiseführern steht.
Hier auf dem Bild ist noch eines seiner Familienmitglieder hinzu gekommen. Der junge Mann wohnt in Mandawa und hat uns sein Shekhawati gezeigt.



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15. Oktober:
Von Mandawa aus sind es nur 165 km anach Jaipur; also in die Pink City, wie die Metropole Radjastans auch genannt wird.

Den Namen hat die Stadt von der vorherrschenden Fassadenfarbe bekommen. Früher war die Stadt eher grau, doch als 1883 anlässlich des Besuches von Prinz Albert die Häuser verschönert werden sollten, erhielten sie alle eine rosa Anstrich. Rosa = die traditionelle Wilkommensfarbe!
Wir sind am frühen Nachmittag angekommen. Was liegt da näher, als noch eine Stadtbesichtigung mit dem Auto zu machen. Jaipur ist eine lebhafte Stadt. Die Straßen teilen wie auf einem Schachbrett die City in verschiedene Bezirke ein. Hier wohnen die Friseure, dort die Apotheker. Hier wieder die Schneider und im nächsten Straßenzug sind die Schlachter bei der Arbeit.
Wir haben die Geschäfte der Fotografen gesucht (und natürlich auch gefunden). Reklameschilder aller großen Filmmaterial-Hersteller prangen an den Häuserfassaden. Also rein in eines dieser Läden und Fotomaterial gekauft. Umgerechnet liegen die Preise über denen bei uns in Deutschland. Wie war das doch gleich? Strafe muss sein, wenn man nicht genug davon mitnimmt. Indien ist so voller Bilder, dass Unmengen von Film- und Fotomaterial nötig ist! Lieber einmal mehr auf den Auslöser drücken, als hinterher eine Szene nicht eingefangen zu haben.

jaipur Wir kehren auf die Hauptstraße zurück und folgen ihr nach Osten. Irgendwann stehen dann auch wir vor dem sicher berühmtesten Bauwerk der Stadt: dem Hawa Mahal, dem Palast der Winde. Eigentlich kein Gebäude im herkömmlichen Sinne, sondern nur eine Giebelfront. Dahinter befindet sich ein Treppenhaus, dass zu den Fensterläden führt, durch die die Frauen der damaligen feinen Gesellschaft - vor den Blicken der Männer geschützt - dem Treiben auf der Straße zusehen konnten. Heute sicherlich das Highlight und meist fotografierteste Gebäude der Stadt.

elefant Vor den Toren Jaipurs liegt Amber, die ehemalige Hauptstadt des Rajputen-Reiches. Strategisch hoch auf einem der umliegenden Hügel erbaut, bietet der Blick von oben herab schöne Fotomotive. Doch erst einmal muss man rauf, vorbei an Souvenirläden und -händler, die alles Mögliche verkaufen wollen.

Wir nehmen deshalb - wie die meisten Besucher - einen Reiseelefanten. Bunt bemalt und mit farbenfroher Decke und einer Art Kiste als Sattel versehen, bringt uns der Dickhäuter ruhigen Schrittes auf die Festung Amber. Die Bananen, die wir unserem Jumbo gekauft haben, nimmt er gerne an.

amber Amber ist heute noch Familienbesitz und z.T. Wohnort der Herrscherfamilie. Ein weiterer Teil aber ist den Besuchern geöffnet und zeigt die damalige Baukunst. Herrliche Wandmosaike aus Glas und Edelsteinen zieren die einzelnen Räume. Die Einlegearbeiten in den Wänden sind bereits beim Bau eingearbeitet; die Buntglasscheiben wurder erst im 18. Jahrhundert aus Europa eingeführt. Ein Museum zeigt eindrucksvoll Dinge aus früheren Jahrhunderten.

amberSo z.B. die zwei größten Silberkannen der Welt (Gangajali genannt). 1896 erstanden, sind die jeweils 345 kg wiegenden Kannen mit dem damaligen Maharaja auf die lange Reise nach England gegangen, gefüllt mit Gangeswasser für seine täglichen rituellen Waschungen.



Sternwarte neben dem Jaipur City Palace:
Zwischen 1727 und 1734 hat der Maharaja von Jaipur fünf Sternwarten erbauen lassen; eine davon hier in Amber.  Das Jantar Mantar (Sanskrit; übersetzt: "Magisches Gerät") bestehen aus mehreren Gebäuden, in den jeweils spezielle   astronomische Messungen durchgeführt wurden. Die gesamte Anlage wurde 1901 umfangreich restauriert und ist seit 1948 ein nationales Denkmal. 2010 wurde das Observatorium von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt.

sternwarte sternwarte Außergewöhnlich sind die Halbkugeln des Jai Praksh Yantra; man sagt, dass sie eine Erfindung von Jai Singh seien.

Die Halbkugeln aus Marmor haben einen Durchmesser von gut 4 m und sind im Boden eingelassen. Ein Fadenkreuz mit Metallring über den Kugeln zeigt tagsüber die genaue Position der Sonne am Himmel.

amber amber

Fensterdurchbrüche in weißem Marmor und Sandstein, die erahnen lassen, was sich im Inneren so mancher Gebäudeteile verbirgt.

In historischen Gewändern stehen überall die Wächter im Fort Amber.

Mit dem Besuch in Jaipur geht nun unsere Fahrt durch Radjastan zu Ende. Aber unser Urlaub ist noch lange nicht vorbei; auf geht es zu den Tigern im Rantambore Nationalpark.


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